Erich Wimmer

„Wie weit Spra­che eigent­lich rei­chen kann“

Erich Wimmer (56) gewann mit seinem Text „Wahnwitz im Monsun“ beim Kurzgeschichten-Wettbewerb „WortReich“ den ersten Preis. „KLiCK Kärnten“ sprach mit ihm über seine Schreibarbeit. Der Autor gibt jungen Menschen einen wichtigen Ratschlag.

„Wie weit Spra­che eigent­lich rei­chen kann“ Der oberösterreichische Autor Erich Wimmer legt jungen Menschen eine selbstbestimmte Lebenszeit nahe.

© Judith Wimmer

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„KLiCK Kärn­ten“ erreich­te den 56-jäh­ri­gen Autor Erich Wim­mer im rund 300 Kilo­me­ter ent­fern­ten Mühl­vier­tel in Ober­ös­ter­reich. „Las­sen Sie es ein paar Mal klin­geln, dann hebe ich ab“, teilt Wim­mer bereits Wochen vor­her mit. Der Grund: Er besitzt kein Smart­phone, son­dern ledig­lich ein Tele­fon mit Fest­netz­an­schluss. „Ein Smart­phone diri­giert uns nur zur Ober­flä­che und zer­stört unse­re See­le“, begrün­det der Ober­ös­ter­rei­cher sei­nen Ver­zicht auf ein Han­dy. Aber er gesteht ein, sich in naher Zukunft ein Han­dy zule­gen zu müs­sen. Ein bit­te­rer Moment für ihn, wie er im Gespräch mit „KLiCK Kärn­ten“ ver­rät: „Man hat in die­sem Sys­tem kei­ne ande­re Wahl.“

„In mir schlum­mert ein Maler“

Der Ursprung sei­ner schöp­fe­ri­schen Krea­ti­vi­tät liegt in sei­ner Kind­heit, hier beson­ders in der Bezie­hung zu sei­nem Vater, der für ihn einen gro­ßen Schat­ten bedeu­te­te. „Mein Vater war Maler und sehr domi­nant mir gegen­über. Mit der Zeit ent­stand zwi­schen uns ein Kon­kur­renz­ver­hält­nis und er begann, mei­ne gemal­ten Bil­der zu ver­ste­cken“, erin­nert sich Wim­mer zurück. Die­se Bezie­hung gip­fel­te in einem Aus­wei­chen ins lite­ra­ri­sche Schrei­ben, das ihm seit Beginn durch­ge­hend posi­ti­ve Kri­ti­ken ein­brach­te. „Ers­te lite­ra­ri­sche Ver­su­che gelan­gen mir bereits in jun­gen Jah­ren, und die wur­den früh posi­tiv auf­ge­nom­men“, sagt Wim­mer, der seit dem Jahr 1990 Vio­li­ne an ober­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­mu­sik­schu­len lehrt. Hin und wie­der wird Wim­mer etwas weh­mü­tig, wenn er an sei­ne poten­zi­el­le Maler­kar­rie­re denkt und an die von ihn wohl­mög­lich geschaf­fe­nen Wer­ke. „In mir schlum­mert noch immer ein Maler“, lacht der Gewin­ner des 12. Kurz­ge­schich­ten-Wett­be­werbs „Wort­Reich“ am Faa­ker See.

Sei­ne Moti­ve

Im Jahr 1996 begann Wim­mer mit 30 Jah­ren ernst­haft zu schrei­ben, jedoch ist er nach so lan­ger Zeit im Lite­ra­tur­be­trieb noch immer nicht lite­ra­risch ange­kom­men. Für ihn ist das Schrei­ben ein fort­lau­fen­der Pro­zess. Doch sei­ne bei­den Moti­ve nah­men über die Jah­re hin­weg immer mehr Form an. „Weil Men­schen immer weni­ger lachen, ver­folgt mein Schrei­ben eine Iro­nie, um ande­re auf einem hohen Niveau zu unter­hal­ten“, erklärt er. Gleich stark sind auch die sprach­li­che, lite­ra­ri­sche Dar­stel­lung von Bezie­hun­gen in sei­nen Tex­ten und die inten­si­ve Suche nach gelin­gen­den Berüh­run­gen.

Selbst beschreibt sich Wim­mer als einen auf­merk­sa­men Men­schen. Er ist daher auch im All­tag für berüh­ren­de, irri­tie­ren­de und bizar­re Momen­te emp­fäng­lich. Das ist sei­ne Quel­le für Ideen und Inspi­ra­tio­nen. „Inspi­ra­ti­on kommt mit der Arbeit“, ist der Autor über­zeugt. Eine gro­ße Befrie­di­gung für ihn ist das Gelin­gen von Berüh­run­gen durch den Akt des Schrei­bens. „Es ist für mich dann wie das Ste­hen auf einer Büh­ne vor Men­schen“, erklärt Wim­mer, der immer ver­sucht, Altru­is­mus und Ego­is­mus in Gleich­ge­wicht zu hal­ten und die­se Ambi­va­lenz lite­ra­risch aus­zu­le­ben.

Schrei­ben ermü­det wie Erd­ar­beit

„Ein Raum mit Büchern stellt für mich eine gro­ße Kraft­quel­le dar und gibt mir viel Mut und Kraft für das Schrei­ben, das ja eine anstren­gen­de Arbeit ist“, sagt Wim­mer, der von sprach­lich ver­dich­te­ten Geschich­ten fas­zi­niert ist. Es kommt auch vor, dass der gebür­ti­ge Lin­zer lesen­de Men­schen in sei­ner Umge­bung anspricht und ihnen zum Lesen eines Buchs gra­tu­liert. „Lesen­de Men­schen sind die letz­ten Dino­sau­ri­er in die­ser Welt. Die Leu­te sind dann sehr ver­wun­dert, aber wir kom­men immer in tol­le Gesprä­che“, schmun­zelt Wim­mer.

Anstren­gend und schmerz­haft ist auch das Urteil sei­ner schärfs­ten Kri­ti­ke­rin. „Mei­ne Frau Judith liest mei­ne Tex­te zuerst und gibt jede Men­ge Rück­mel­dung. Als eine gna­den­lo­se Kri­ti­ke­rin und Lek­to­rin ist ihre Kri­tik für mich auch manch­mal schmerz­haft. Aber ich weiß, dass durch ihr genau­es Lesen mei­ne Tex­te bes­ser wer­den“, erzählt der Mühl­viert­ler. Aus die­sem Grund teil­te Wim­mer auch das Preis­geld in Höhe von tau­send Euro mit sei­ner Frau.

Zwei Jah­re, 30 Kurz­ge­schich­ten

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ent­deck­te Wim­mer die kur­ze Form für sich. Rund 30 Kurz­ge­schich­ten sind in den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren ent­stan­den. „Ein Pro­jekt, das ich unbe­dingt abschlie­ßen möch­te, ist ein Erzähl­band mit den Kurz­ge­schich­ten. Dafür muss ich noch einen Ver­lag fin­den“, blickt Wim­mer vor­aus. Es wäre sein zehn­tes Buch. Eine Kurz­ge­schich­te ver­langt, dass man sich jeden Satz genau­es­tens ansieht und auch mal den Text bei­sei­te­legt, um eine Distanz her­zu­stel­len. „Das Grund­ge­rüst steht gleich ein­mal, aber die Aus­ar­bei­tung dau­ert doch Wochen bis Mona­te“, gibt der Autor einen Ein­blick in sei­ne Arbeit.

Einen spe­zi­el­len Schreib­ort, wo sei­ne Tex­te ent­ste­hen, hat Wim­mer nicht. Viel­mehr kann er über­all schrei­ben. Vie­les schreibt Wim­mer mit der Hand. Erst danach über­trägt er sei­ne Zei­len in digi­ta­le Form. Dabei ist auch das „Rei­sen ohne Ziel“ mit sei­ner Frau wich­tig. „2003/04 unter­nahm ich mit mei­ner Frau eine Welt­rei­se, wir waren in Neu­see­land und Kana­da“, erin­nert sich Wim­mer. Auf die­ser Rei­se hielt er sei­ne Gedan­ken in einem Tage­buch fest. Es ent­stan­den 2.000 Sei­ten, die noch abge­ar­bei­tet wer­den müs­sen.

Schafft selbst­ge­wähl­te Lebens­zeit!

Der Mühl­viert­ler hat einen selbst­ge­wähl­ten Schreiball­tag für sich gefun­den, der um 6 Uhr beginnt. „Mei­ne Zeit zum Schrei­ben fin­de ich am frü­hen Mor­gen. Dann schrei­be ich so um die fünf bis sechs Stun­den täg­lich. Zur Mit­tags­zeit bin ich dann fer­tig“, berich­tet Wim­mer. Nach sei­ner Schreib­ar­beit führt ihn der Weg wei­ter in die Musik­schu­len, wo er Vio­li­ne unter­rich­tet. „Ich sehe mei­ne Schü­ler in der Musik­schu­le als mei­ne Kin­der an, weil ich selbst kei­ne habe. So kann ich ihnen auch Lite­ra­tur und Rat­schlä­ge fürs Leben näher­brin­gen“, erzählt der 56-Jäh­ri­ge. Einen Job zu fin­den, der einen jun­gen Men­schen nicht „auf­frisst“, und selbst­ge­wähl­te Lebens­zeit zu schaf­fen, sind sei­ne wich­tigs­ten Anre­gun­gen, die er im Gespräch mit „KLiCK Kärn­ten“ wei­ter­ge­ben möch­te. Auch das Lesen und Schrei­ben legt er jun­gen Men­schen ans Herz, um so eine Grö­ße und Tie­fe zu erle­ben. So ist es auch mög­lich, aus einem eige­nen Tun her­aus Mut und Kraft zu schöp­fen.

Von Kärn­ten begeis­tert

Aus Kärn­ten nimmt Wim­mer die Herz­lich­keit und das Enga­ge­ment der Jury für die Lite­ra­tur mit. „Ich bin beein­druckt, wel­chen Stel­len­wert Kul­tur in Kärn­ten hat und eben­so davon, wie das Mensch­sein in Kärn­ten gepflegt wird“, freut sich der Ober­ös­ter­rei­cher. Kärn­ten lern­te er bereits in sei­ner Kind­heit ken­nen. „Ich habe als Kind Zeit mit mei­nen Eltern in Kärn­ten und mit mei­nem Vater beim Flie­gen­fi­schen ver­bracht. Lei­der war das Fischen heu­er nicht mög­lich“, schil­dert der Autor. Nach der Ankunft im Mühl­vier­tel erzähl­te er zuerst sei­ner Frau Judith vom Sieg beim Wett­be­werb. „Vor der Abrei­se woll­te ich noch ein paar Tage in Kärn­ten cam­pen, aber ich war ein­fach zu auf­ge­regt und konn­te nicht schla­fen. Des­we­gen trat ich gleich die Heim­rei­se an“, schmun­zelt Wim­mer.

Smart­phone als das neue Auto

Lan­ge Gedan­ken wer­den durch ein Smart­phone in vie­le klei­ne Ein­zel­tei­le zer­legt, wie Wim­mer erklärt. „Das Smart­phone ist das neue Auto. Das Auto hat uns vie­le Vor­tei­le geschaf­fen, aber auch min­des­tens so vie­le Nach­tei­le. Han­dys zer­stö­ren unse­re See­le“, gibt Wim­mer ernst zu ver­ste­hen. Etwa dass Men­schen nicht ein­an­der anse­hen, son­dern nur mehr ins Han­dy bli­cken. Wohl­mög­lich auch des­we­gen neh­men ech­te Bezie­hun­gen zu Men­schen und Berüh­run­gen in Wim­mers Tex­ten eine zen­tra­le Rol­le ein. Auch sein lite­ra­ri­sches Anlie­gen spie­gelt sich in sei­nem Lieb­lings­zi­tat des Phi­lo­so­phen Jean-Luc Nan­cy wider. „Wir sind der Sinn – wenn Men­schen auf­ein­an­der­tref­fen und Sinn pro­du­zie­ren. Wo Men­schen sich wirk­lich begeg­nen“, ist der Autor über­zeugt.

Von Dos­to­jew­ski bis Cow­per Powys

Einer von Wim­mers Lieb­lings­au­toren ist Fjo­dor M. Dos­to­jew­ski, mit dem er sich zeit­le­bens beschäf­tigt. „Ich bin fas­zi­niert von sei­ner sprach­li­chen Aus­for­mung von Radi­ka­li­tät und der Bereit­stel­lung eines tie­fen Spie­gels“, sagt der Mühl­viert­ler. Auch Hans Hen­ny Jahnn reiht sich zu den Lieb­lings­au­toren ein. „Weil er Mut zur Wahr­neh­mung offen­bart und zeigt, wie weit Spra­che rei­chen kann“, begrün­det Wim­mer sei­ne Wahl. Ein wei­te­rer Autor ist John Cow­per Powys, den Wim­mer auf­grund sei­ner Natur­me­ta­pho­rik schätzt und ihn sogar vor Adal­bert Stif­ter ein­ord­net. Für Wim­mer macht einen guten Text das Zusam­men­spiel von Form und Inhalt aus. „Solan­ge ein Text es schafft, Men­schen gelin­gend zu berüh­ren, ist er aus mei­ner Sicht gut gear­bei­tet“, offen­bart er sei­nen per­sön­li­chen Maß­stab.

Online: „Wahn­witz im Mon­sun“ von Erich Wim­mer. Der Kurz­ge­schich­ten-Wett­be­werb „Wort­Reich“ ist eine Koope­ra­ti­on zwi­schen dem Kärnt­ner Bil­dungs­werk und der Markt­ge­mein­de Fin­ken­stein am Faa­ker See.

 

07.08.2022 15:42 - Update am: 08.08.2022 11:44
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„Wie weit Spra­che eigent­lich rei­chen kann“ Der oberösterreichische Autor Erich Wimmer legt jungen Menschen eine selbstbestimmte Lebenszeit nahe.

© Judith Wimmer